Ammen (-märchen)

Der Hund stammt vom Wolf ab. Das weiß inzwischen jeder.

Auch wenn Yorkshire Terrier äußerlich eher Ähnlichkeit mit Meerschweinchen oder Staubwedeln haben als mit Wölfen, so stecken einige Urinstinkte ihrer Vorfahren noch in ihnen. Dazu gehören das Markieren ihres Reviers, die Rudelhierachien und auch Scheinschwangerschaften bei Hündinnen.

Gerade letzteres sichert in der freien Natur das Überleben des Rudels. Nötig wäre dies bei unseren Haushunden nicht mehr. Bei so man einer Hündin nimmt es derart unschöne Auszüge an, dass man schnell über eine Kastration nachdenkt. Allerdings kann dieses Überbleibsel auch heute noch Leben retten und gerade Züchter sind oftmals froh, dass es solche Hündinnen gibt, die im Notfall als Amme eingesetzt werden können.

Warum ich Euch das erzähle? Unsere Yorkie-Dame Amy ist eine Ammen-Hündin, wie sie im Buche steht. Und somit auch für einige Überraschungen gut…

Ich hatte Euch ja berichtet, dass wir vor einigen Tagen mal wieder unsere Züchterin in Dülmen besucht haben. Was Biewer-Huendin mit einem Wurf Welpenwir vor unserem Besuch nicht wussten, dass sie süße kleine Biewer-Yorkie Welpen hat. Zu dem Zeitpunkt gerade mal 10 Tage alt. Noch blind und taub und völlig auf ihre Mutter angewiesen.

Sogar beim Säugen durften wir dabei sein. Natürlich nur wir Zweibeiner, nicht unsere Hunde.

Was viele vielleicht nicht wissen, dass Welpen einen ganz eigenen Geruch haben, der im eigenen Rudel, und zwar nur dort, für den sogenannten Welpenschutz sorgt. Bekanntermaßen haben Hunde feine Nasen und so bekamen auch unsere Fellnasen mit, dass Nachwuchs im Haus ist.

Große Gedanken darüber gemacht haben wir uns nicht. Die Quittung bekamen wir nur einige Tage später: Unsere Hündin verhielt sich plötzlich komisch. Sie wurde sehr anhänglich, faul und zickig den Rüden gegenüber. Alles Anzeichen einer Scheinschwangerschaft. Und noch besser. Quasi über Nacht schwoll ihre Milchleiste an und sie bekam Milcheinschuss. Und das, obwohl ihre letzte Läufigkeit schon mehrere Monate her ist.

Es war wieder passiert… Alleine der Geruch von Welpen hatte ihre ausgeprägten Muttergefühle geweckt.

Dass Amy die geborene Mutter und Ammen-Hündin ist, wurde uns schon früh klar. Sie war gerade mal ein Jahr alt und hatte erst die erste Läufigkeit gehabt, als unser Mini-Yorkie Blanket einzog. Er war mit 10 Wochen wirklich winzig, gerade mal knapp 800 Gramm leicht.

Amy säugt BlanketKeine zwei Tage nach dem Welpenabholtag lagen wir abends zusammen mit den Fellnasen auf dem Sofa, als dieses kleine Würmchen sich an die Hündin schmiegte und anfing zu schmatzen. Ihr könnt Euch unsere Überraschung vorstellen als wir bemerkten, dass er tatsächlich an Amy’s Zitzen hing und sich die Muttermilch schmecken ließ. Und das mit wachsener Begeisterung.

Die nächsten 6 Wochen holte er sich mehrmals täglich einen kleinen Nachtisch. Nach jeder normalen Welpenmahlzeit und kurz vorm Schlafengehen hingen die beiden zusammen. Amy hatte Blanket quasi adoptiert und ihn zu ihrem Welpen erklärt. Und das, obwohl er ja eigentlich schon seit Wochen entwöhnt war. Seine richtige Mama hatte ihn schon einige Zeit nicht gesäugt.

Seine Adoptiv-Mama jedoch genoß nichts mehr, als ihn zu verwöhnen. Da war nicht nur die Milchbar stets geöffnet, sie kümmerte sich auch sonst rührend um ihn. Putze seine Ohren, Augen und das Bäuchlein.

Zu der Zeit hatten wir über eine Zucht noch nie nachgedacht und uns somit mit diesem Thema auch nicht näher beschäftigt. Unsere Züchterin hatte keine Erfahrungen mit diesem Phänomen. Bei Blanket’s Impftermin mit 12 Wochen sprachen wir so die Tierärztin auf das merkwürdige Verhalten unserer Hündin an. Diese hatte von sowas auch noch nie gehört, jedoch riet sie uns, die beiden zu gewähren, solange sie glücklich damit wären und die spitzen Welpenzähnchen Amy’s Zitzen nicht zu sehr malträtieren würden.

Uns blieb also nichts anderes übrig als das Internet zu durchforsten. Kam sowas öfters vor? Hier stießen wir das erste Mal auf  den Begriff Ammen-Hündin.

So wie im Wolfsrudel alle weiblichen Wölfe bis auf die Leitwölfin als Ammen fungieren können. Um das Woelfin mit ihrem WurfÜberleben des einen Wurfes, der pro Jahr aufgezogen wird zu sichern, werden alle Wölfinnen des Rudels zur selben zeit läufig, befinden sich somit im selben Hormonstatus! Nur die Alpha-Wölfin hat das Recht belegt und trächtig zu werden, die anderen Wölfinnen bleiben ungedeckt und werden scheinträchtig.

Wenn sie gedeckt werden würden, dann würden sie in etwa zum selben Zeitpunkt werfen wie die Alpha-Wölfin. Fällt die Alpha-Wölfin aus irgendeinem Grund in Bezug auf das Säugen aus, etwa durch Krankheit oder Tod oder ganz einfach, weil sie beim Jagen gebraucht wird, dann können die anderen Wölfinnen einspringen und den Wurf weiter säugen.

Diese natürliche Überlebensstrategie hat sich über tausende von Jahren bis heute in unseren domestizierten Haushunden gehalten. Halter von mehreren Hündinnen kennen das Phänomen sicher. Im Laufe der Zeit synchronisiert sich die Läufigkeit aller Hündinnen im eigenen Rudel in der Regel. Kann ein Wurf von der belegten Hündin nicht versorgt werden, könnten theoretisch die anderen Hündinnen einspringen. Vorausgesetzt, sie akzeptieren die fremden Welpen.

Hund saeugt Welpe und TigerbabysSicher habt auch Ihr schon Bilder oder Videos von weiblichen Tieren gesehen, die Babys auch fremder Tierarten adoptiert und als ihre eigenen aufgezogen haben. Im Tierreich scheint die Toleranz demgegenüber sehr groß zu sein. So werden schon mal Hündinnen Ammen für Kätzchen, Minischweinchen oder sogar Rehkitze. Kätzinnen ziehen Kaninchen oder Meerschweinchen auf. Beispiele gibt es zuhauf.

In der Zucht spielen Ammen eine große Rolle. Stirbt die Mutter oder kann aus anderen Gründen den Wurf oder einzelne Welpen nicht versorgen, machen sich Züchter oft auf die Suche nach einer Amme. Also einer scheinträchtigen Hündin möglichst derselben Rasse oder ähnlichen Größe. Akzeptiert diese die Welpen wird sie diese als die eigenen aufziehen.

Dass die eigene Hündin also scheinträchtig wird, ist es ganz natürliches und keineswegs eine Ausnahme, sondern eher die Regel. Dass allerdings, wie bei unserer Amy, nur der Anblick oder Geruch von Welpen Symptome einer Scheinträchtigkeit auslöst, ist eher selten. Züchter lecken sich die Finger nach solchen Hündinnen. Vorauszusehen ist sowas natürlich nicht. Und es ist auch nicht immer nur von Vorteil.

Viele Hündinnen leiden unter einer Scheinträchtigkeit, auch Pseudogravidität genannt. Die Symptome und/oder PseudograviditaetVerhaltensänderungen bei der Scheinschwangerschaft sind sehr individuell und vor allem unterschiedlich stark ausgeprägt. Meist bemerkt man am Anfang neben einem beginnenden Anschwellen des Brustdrüsengewebes allgemeine Unlust und/oder Aggressionen gegenüber Artgenossen.

Zum Ende der Pseudogravidität hin, also ungefähr zwei Monate nach dem Ende der Läufigkeit, kann das Gesäuge stark anschwellen und dann richtige Milch oder auch nur eine wässrige bräunliche Flüssigkeit produzieren, Pseudolaktation genannt. Die scheinträchtige Hündin frisst meist schlecht, ist unruhig, zeigt ein ausgeprägtes Nestbauverhalten. Sie „bemuttert“ ihr Spielzeug und verteidigt imaginäre Welpen unter Umständen vehement, manchmal sogar aggressiv.

Glücklicherweise verhält sich Amy eher in die andere Richtung. Sie wird sehr faul und anhänglich. Möchte ständig schlafen, kuscheln und gestreichelt werden. Nestbauverhalten zeigt sie nicht. Allerdings, Appetit ist kaum bis gar nicht vorhanden. Wer unser Welpentagebuch von Anfang an verfolgt hat, erinnert sich sicher noch daran, dass Amy die ersten Tage nach der Geburt partout nicht fressen wollte. Inzwischen zeigt sie dieses Verhalten auch während Pseudolaktation bei scheinschwangerer Huendinihrer Scheinschwangerschaft.

Dass wir Amy als Amme anbieten, können wir uns eigentlich nicht vorstellen. Es sei denn eine unserer befreundeten Züchterinnen wäre wirklich in Not. Natürlich würden wir im Fall der Fälle unsere Hilfe anbieten und schauen, ob Amy die fremden Welpen als ihre eigenen akzeptieren und aufziehen würde. Auch wir würden diese Verantwortung natürlich übernehmen, um den Welpen zu helfen.

Im Moment kümmern wir uns aber erstmal um unsere Hündin und hoffen, dass diese anstrengenden Tage schnell vorbei gehen.

Habt auch Ihr Erfahrungen mit einer Scheinschwangerschaft Eurer Hündin gemacht? Oder habt gar eine potentielle Amme zuhause?

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