Cesar Millan Hundeflüsterer oder Tierquäler

Cesar Millan – Hundeflüsterer oder Tierquäler

Cesar Millan ist der Hundetrainer der Stars. Auch hierzulande kennt wohl jeder Hundehalter seinen Namen und hat sicher schon mal seine TV-Sendung „Der Hundeflüsterer“ gesehen.

Cesar Millan ist aber auch der wohl am meisten polarisierende Hundetrainer der Welt. Von den einen verehrt, von den anderen verteufelt.

So wundert es wohl wenig, dass auch unter uns Hundebloggern gestern eine hitzige Diskussion entbrannte.

USA vs. Germany

Um zu verstehen, warum Cesar Millan eigentlich tut, was er tut und warum er ist, was er ist, muss ich USA vs Germanyetwas ausholen.

In unserem Land, wie in vielen Europäischen, ist unser Vierbeiner ein vollwertiges Familienmitglied. Wir lieben unsere Fellnasen und möchten nur das beste für sie. Niemals würden wir bewußt etwas tun, was ihnen schadet oder wehtut. Wir beschäftigen uns ausgiebig mit artgerechter Ernährung und konsultieren ein Dutzend Hundetrainer, wenn es sein muss.

Nicht so im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier geht es nur um „Höher, Schneller, Weiter“. Hier lebt man das Prinzip „Wegwerfgesellschaft“. Hier definiert man sich über seine Außenwirkung. Bist du erfolgreich, schauen alle zu dir auf und bewundern dich. Bist du es nicht, bist du ein Niemand.

usaWoher ich das weiß: Ich selbst habe in den USA gelebt. War eine von ihnen. Und ich habe gut gelebt. Es ist mir heute fast etwas peinlich, aber auch ich war in Atlanta und auch darüberhinaus eine Berühmtheit. Ich war mit Usher („You make me wanna“) auf Tour, habe mit Toni Braxton zu Abend gegessen und mit den Mädels von TLC gefeiert.

Ich hatte mir innerhalb kürzester Zeit als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin bereits einen Namen gemacht und wurde gefeiert. Wohl auch deshalb, weil ich eine Weiße war, inmitten einer afro-amerikanischen Umgebung, die talentiert war. Ich stach aus der Masse heraus und jeder, der was auf sich hielt, wollte sich mit mir schmücken.

Hundehaltung in Amerika

Es war eine schöne Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte. Warum ich Euch das erzähle? Um den Hype rund um Cesar Millan zu verstehen, muss man die amerikanische Gesellschaft verstehen. Hunde werden hier oftmals nur zu zwei Zwecken gehalten. Entweder als Bewacher von Haus und Grund oder als schmückendes Accessoire, dem man hübsche Kleidchen anzieht und in sündhaft teuren Täschchen spazieren führt.

Natürlich gibt es auch Familien, in denen der Hund als normales Haustier gehalten wird. Meine Gasteltern hatten selbst zwei tolle Hunde, die wirklich gut erzogen waren. Dass diese aber, wie bei dressed up Yorkieuns üblich, auf dem Sofa mit Frauchen kuscheln oder frei über unser riesiges Grundstück toben durften, habe ich in der ganzen Zeit nie erlebt.

Machte sie einen Fehler, wurden sie mit aller Härte bestraft. Hundetraining? Fehlanzeige! Zu Silvester gab’s eine Kugel Eis mit Sekt, damit sie von der beängstigenden Knallerei nichts mitbekommen. Fragwürdige Methoden, oder?

Doch genau diese repräsentieren die Mentalität der Amerikaner. Eingemischt habe ich mich nie, auch wenn sie mir leid taten. Ich war sehr jung, in der Familie zu Gast und damals selbst total unerfahren was Hunde angeht. Heute würde ich sicher anders reagieren.

Seit ich zurück in Deutschland bin, hat sich übrigens nicht einer meiner amerikanischen „Freunde“ gemeldet. Aus den Augen, aus dem Sinn. So sind sie eben. Darüber geärgert habe ich mich nie. Ich wußte, wie sie ticken.

Die Sache mit den Medien

Und ich weiß, wie die amerikanischen Medien (übrigens stehen die deutschen Medien ihnen da inzwischen nicht viel nach) arbeiten. Man sollte auf keinen Fall alles blind glauben, was man da so sieht. Es geht um Einschaltquoten, und nichts anderes.

Schaut man sich eine Folge von „Der Hundeflüsterer“ an, so läuft diese stets nach dem selben Muster The Dog Whispererab. Die Familie mit dem „Problemhund“ wird zuhause vorgestellt und es werden Szenen des unerwünschten Verhaltens gezeigt. Dann kommt Cesar Millan dazu und läßt sich die Situation erklären. Anschließend beginnt er mit dem Hund und den Familienmitgliedern zu arbeiten.

Scheinbar nach wenigen Trainingseinheiten stellt der Vierbeiner sein Verhalten um. Ab und zu bedient er sich der Hilfe seiner eigenen Hunde oder nimmt den „Problemhund“ mit in sein Dog Psychology Center. Meist endet jede Folge damit, dass die zufriedenen Menschen mit ihrem nun gehorsamen Hund gezeigt werden.

Und genau hier fängt das Problem schon an. Jedem von uns sollte klar sein, dass die Probleme mit einem Vierbeiner nicht innerhalb von ein paar Minuten, Stunden oder Tagen aus der Welt geräumt werden können. Gerade, wenn es sich um Aggression seitens eines Hundes handelt, welches das überwiegend behandelte Thema der Show ist.

Natürlich werden uns die Produzenten der Show keine Folge zeigen, in der der Hund sein Verhalten nicht ändert. Das würde ja bedeuten, dass „Der Hundeflüsterer“ versagt hat. Auch wird in keinster Weise nachgehalten, was mit den Hunden passiert, nachdem die Aufnahmen beendet sind.

Wußtet Ihr, dass…

… es in den USA nämlich nicht unüblich ist, sich eines Hundes zu entledigen, wenn dieser auch nur ansatzweise agressives Potential zeigt. Sprich: Er wird eingeschläfert und man besorgt sich einen neuen Hund. So arbeiten übrigens auch die Tierheime. Wird ein Vierbeiner hierher gebracht, macht man mit ihm einen Aggressionstest. Besteht er diesen nicht, wird nicht mit ihm gearbeitet, sondern er kann nicht vermittelt werden und wird getötet. Für uns völlig unverständlich, in Amerika allerdings Alltag.

Genauso sieht es in Punkto Training in den Familien aus. Zeit, auf lange Sicht mit dem Haustier zu arbeiten, um das gewünschte Verhalten zu erarbeiten, hat niemand. Entweder es funktioniert oder eben nicht. Dass der Mensch das Problem sein könnte, an diesen Gedanken verschwendet niemand Zeit. Und hier hat Cesar Millan sogar Recht, wenn er den Besitzern erklärt, dass Hundeerziehung immer mit Arbeit verbunden ist.

Und genau hier fängt das Problem an, welches viele von uns mit Cesar Milan haben: Seine Methoden. Seine Grundpfeiler im Umgang mit Hunden beruhen auf Bewegung, Disziplin und Zuneigung. Er schwört auf sogenannte aversive Trainingsmethoden.

Aversives Training – ein Relikt aus vergangenen Zeiten?

Laut Definition ist Aversion eine psychische Reaktion der Abneigung und des Unbehagens dog-delta-garminbbbbgegenüber Reizen, Ereignissen, Vorstellungen oder Personen, die mit Vermeidungs- oder Fluchtverhalten und anderen Formen der Abwehr verbunden ist. (Quelle: Dietrich & Rietz 1996, S. 48). Auch der Einsatz von beispielsweise Zug- oder Stachelhalsbänder, Rütteldosen, Wasserflaschen, Wurf-Ketten, Elektro-Schocks und ähnlichem fällt unter aversive Hilfsmittel.

Vor 10 oder 20 Jahren war die Arbeit nach diesen Methoden Gang und Gäbe und auch heute arbeiten viele Hundetrainer hierzulande noch nach dem Prinzip Dominanz und Rudelführer. Dass man auch anders zum Ziel kommen kann, ist noch nicht jedem klar geworden.

Schon gar nicht in einem Land wie Amerika, wo man mit möglichst wenig Aufwand schnelle Erfolge Cesar Millan aversives Hundetrainingsehen möchte. Versteht mich nicht falsch. Ich liebe die USA und könnte mir auch heute noch vorstellen, dort zu leben. Ich fühle mich dort zuhause. Und auch in den Staaten gibt es genauso Hundetrainer, die mit neuesten Methoden arbeiten, wie das hier der Fall ist. Genauso gibt es in beiden Ländern aber auch die andere Seite der Medaille.

Trotzdem sollte man Deutschland nicht mit den USA vergleichen. Oder würdet Ihr es als beste Maßnahme ansehen, Euch mit einer Waffe gegen Waffengewalt zu schützen? Oder würdet Ihr begeistert klatschen, wenn jemand, der Präsident werden möchte, sämtlichen Moslems die Einreise ins Land verbieten möchte?

Cesar Millan live

Ich kenne Cesar Millan nicht persönlich und habe ihn auch noch nie live gesehen. Würde es gerne aber mal. Warum? Weil man sich nur dann ein Urteil über jemanden bilden kann, wenn man ihn Cesar Millan livebeim Training erlebt hat. Ich verlasse mich da bestimmt nicht auf ein kurzes Video, dass mit Sicherheit aus tagelangen Aufnahmen wirksam zusammen geschnitten und mit dramatischer Musik und abenteuerlichen Übersetzungen ins Deutsche unterlegt wurde.

Ja, aber… wird der ein oder andere nun einwerfen, ist er nicht vor einiger Zeit ins Deutschland durch die ihm auferlegte tierschutzrechtliche Prüfung gefallen und durfte deshalb bei seinen Shows die geplanten Übungen an Hunden nicht selbst durchführen? Ja, ist er. Wundert mich aber nicht im Geringsten.

Die Fragen, die zum Bestehen beantwortet werden müssen, umfassen einen Fragenkatalog aus den Themen Ethologie, Lernbiologie, Tierschutz und Hundegesundheit, für die ein angehender Trainer aus unseren Landen ganze 24 Monate an den verschiedensten Unterrichtseinheiten teilnehmen muss und lange Zeit hat, sich darauf vorzubereiten.Hundetrainerausbildung

Ich habe 2 Tage nach meiner Ankunft in den USA drüben meine Führerscheinprüfung gemacht. Oder besser gesagt, versucht zu machen, und bin gnadenlos durchgefallen. Ganz einfach, weil sich die Grundlagen der Gesetze im Straßenverkehr massiv von unseren unterscheiden. Zum Beispiel „Rechts vor Links“ gibt’s dort nicht. Wußtet ihr nicht? Ich bis dahin auch nicht.

Nachdem ich etwas mehr Zeit hatte, mir diese Grundlagen genauer anzuschauen und es mir auch erlaubt wurde, ein Wörterbuch mitzunehmen, war die Prüfung ein Klacks.

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Ihr seht hoffentlich, worauf ich hinaus will. Es ist zu einfach, etwas gelesenes oder gesehenes zu verurteilen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was überhaupt dahintersteckt. Oftmals sind wir geneigt, jemanden vorschnell zu verurteilen, ohne das nötige Hintergrundwissen.

Sicher bin auch ich nicht mit allen Methoden einverstanden, Porch Pottydie Cesar Millan anwendet. Soweit ich das eben durch das Gesehen beurteilen kann. Ich finde es aber grundsätzlich falsch, jemanden mit Halbwissen in eine Schublade zu stecken.

Er hat in den Staaten auch viel Gutes für Hunde getan. In einem Land, in dem vielfach Hunde zum „Gassi“ auf eine 1 qm großes Stück Rollrasen auf den Balkon geführt werden, hat er einige Menschen zum Umdenken bewegt.

Denn auch über dem großen Teich hat das große Umdenken inzwischen Einzug gehalten. Seit diesem Jahr wird Tierquälerei dort als „Kapitalverbrechen“ geahndet und hart bestraft. Eine Tatsache, die hierzulande komplett ignoriert wird. Und auch in den Staaten ist Cesar Millan inzwischen vielfach in Ungnade gefallen und muss einiges an Kritik einstecken.

Vielleicht hat er sogar den Anstoß zu seinem eigenen Untergang gegeben…

12 Antworten
    • Kellie Jaxson
      Kellie Jaxson says:

      Hallo Jasmin!

      Vielen Dank für die lieben Worte. Ich finde es wichtig, erstmal nachzudenken, bevor man auf jemanden rumhackt.

      LG Kellie

      Antworten
    • Kellie Jaxson
      Kellie Jaxson says:

      Liebe Silvana!

      Vielen, vielen Dank. Das freut mich echt total, dass der Beitrag so gut ankommt. Ich hatte ja doch mit heftigen Reaktionen gerechnet 😉

      LG Kellie

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      • Silvana
        Silvana says:

        Ich habe zu dem Thema auch einen Beitrag im Blog. Genauer gesagt einen Kommentar. Ich habe da auch keine Partei ergriffen, traue mich aber dennoch nicht so ganz, den Veröffentlicht-Button zu drücken. 😃

        Antworten
        • Kellie Jaxson
          Kellie Jaxson says:

          Warum nicht?! Trau dich. Natürlich wird es Menschen geben, die nicht meiner oder deiner Meinung sind. Dies ist meine und nicht jeder muss damit einverstanden sein.

          Ich werde gerne deine Ansicht lesen 😉

          Antworten
  1. Kathy
    Kathy says:

    klasse beitrag, kellie! ich finde es so unfassbar wichtig, dass man alle seiten beleuchtet, dass man hintergründe kennt und sich einfach darüber im klaren ist, dass medien medien sind und man zuerst immer sein eigenes urteil bilden sollte. daher..hut ab, kellie!
    liebe grüße, kathy

    Antworten
    • Kellie Jaxson
      Kellie Jaxson says:

      Hi Kathy!

      Genau das finde ich auch wichtig. Ich hoffe, dass man trotzdem versteht, dass ich auf keinen Fall aversive Methoden unterstütze.

      Antworten
  2. WarnowTatzen
    WarnowTatzen says:

    Hey Kellie,

    wir sind begeistert von deinem Beitrag.
    Du vertrittst eine Meinung, die ich 1:1 unterschreiben würde.

    Ich schaue recht viel Cesar Millan und diskutiere dann ewig mit meinem Freund darüber. Man kann sicher seine Methoden nicht zu 100% übernehmen und hoffen, dass der nächste Gasssigang perfekt wird. Und da liegt der Hase begraben: man muss differenzeren in dem, was er sagt und tut und sich viele Meinungen einholen.
    Aber das ist nicht nur bei Millan so, das ist in jeder Hundeschule so.
    Das fängt mit den kleinen Ding an, wie, dass der Hund nicht dem Leckerli mit dem Blick folgen soll, sondern dir in die Augen schaut (aus diagnostischer Sicht macht man sich damit mehr Probleme als Hilfe für die Beziehung)

    In diesem Sinne: Danke für deinen Artikel!

    Liebe Grüße

    die WarnowTatzen

    Antworten
    • Kellie Jaxson
      Kellie Jaxson says:

      Hey Ihr lieben!

      Schön, dass ihr das auch so seht. Bei jedem Hundetraining sollte man mit offenen Augen dabei sein. Denn auch hierzulande gibt es gute und schlechte Trainer.

      LG Kellie

      Antworten
  3. Hypo
    Hypo says:

    Toller Beitrag! Danke für die umfassenden Hintergründe zur Hundehaltung in den USA und auch für deine ganz persönlichen Einblicke. Zugegeben, wenn man sich die Folgen ansieht, ist man begeistert. Der Mann ist charismatisch, die Folgen dramturgisch toll inszeniert und die Erfolge (Misserfolge werden ja nie gezeigt 😉 begeisternd. Verurteilen oder als Tierquäler titulieren würde ich Cesar dennoch nicht – oder habt ihr bereits gesehen, dass er Stachelhalsbänder oder ähnliches verwendet hat? Bzgl. der amerikanischen Mentalität gegenüber Haustieren kann ich dir nur zu stimmen. Im Bereich der Terraristik und Reptilienhaltung unterscheiden sich die deutschen Ansichten von den amerikanischen wie Kräuter-Rührei und Hundeschei*e. In Amerikaner ist größer, giftiger, gefährlicher der Treiber und nicht der Wunsch interessante Tiere artgerecht zu halten. Die Haltungsbedingungen unterscheiden sich wie Tag und Nacht; während in Deutschland Schlangen primär in großen Glasterrarien gehalten werden, sperren in Amerika die vermeintlich tierlieben Besitzer ihre Schlangen in Schuhkarton-große Plastikboxen mit Zeitungspapier als „Einstreu“ und das ganze ohne Beleuchtung.

    Antworten
    • Kellie Jaxson
      Kellie Jaxson says:

      Ich habe dir zu danken, dass ich mal einen kurzen Einblick in die Haltung anderer Tierarten bekommen konnte.

      Bisher habe ich mich natürlich mehr mit Hunden beschäftigt, aber warum sollte das bei Reptilien und anderen Tierarten anders sein. Kann ich mir gut vorstellen.

      Es werden beim „Hundeflüsterer“ durchaus fragwürdige Methoden gezeigt. Doch auch diese sind bei einigen Hundetrainern in Deutschland auch durchaus noch üblich. Nur wahrscheinlich nicht so öffentlich…

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